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"Die Presse"-Leitartikel: Der Lächelputin im Bermudadreieck, von Michael Fleischhacker
Ausgabe vom 7. März 2009
Wien (OTS) - Man möchte sich nicht vorstellen, was passierte, wenn
österreichische Medien von der Politik abhängig wären.
Krisen werfen aufgrund des erhöhten Informationsbedarfs immer ein
besonders scharfes Licht auf den Journalismus. In der gegenwärtigen
Finanz- und Realwirtschaftskrise etwa sind Medien mit zwei einander
widersprechenden Vorwürfen konfrontiert: Einerseits wird beklagt, sie
würden durch übertriebenen Alarmismus die Abwärtsspirale noch
verstärken. Andererseits wird ihnen unterstellt, sie gingen mit
etlichen Beteiligten - zum Beispiel mit den Repräsentanten der
Finanzwirtschaft, denen man (fälschlicherweise) die alleinige Schuld
an der Misere zuschreibt - zu sanft um. Und zwar aus Sorge um die
Anzeigenerlöse.
Man kann diesen Vorwurf nicht leichtfertig vom Tisch wischen: Wie
mein Kollege Peter Krotky in seiner Titelgeschichte zeigt, findet auf
internationaler Ebene derzeit eine intensive Diskussion über die
gegenwärtige und künftige Finanzierung von hochwertigem Journalismus
statt. Die Hypothese, dass Zeitungen, die in der Finanzierung ihrer
journalistischen Ressourcen überwiegend auf Anzeigenerlöse angewiesen
sind, ihre Berichterstattung zunehmend an den Interessen dieser
Financiers ausrichten, ist nicht vollkommen aus der Welt. Die Ironie
an der Geschichte besteht darin, dass das ein Versuch wäre, die
Finanzierung von hochwertigem, und das heißt personal-, weil
rechercheintensivem Journalismus durch den Verrat an den Grundsätzen
dieses hochwertigen Journalismus sicherzustellen.
Richtig, das kann so nicht funktionieren. Was aber ist die
Alternative? Unabhängiger Journalismus hat wirtschaftliche
Unabhängigkeit als Voraussetzung. Wirtschaftliche Unabhängigkeit gibt
es nur, wenn es gelingt, Kosten und Erlöse in Balance zu halten.
Kostensenkungen als Reaktion auf sinkende Erlöse bedeuten in einer so
personalintensiven Branche Personalabbau. Personalreduktionen
bedeuten ab einer gewissen Größenordnung eine Reduktion der
journalistischen Qualität. Bleiben also zwei Möglichkeiten: Entweder
man hat ein Publikum, das bereit ist, über höhere Preise einen
größeren Anteil an der Finanzierung der journalistischen Qualität zu
übernehmen - oder der Staat springt wieder einmal ein und
subventioniert die Medien unter Hinweis auf deren
demokratiepolitische Funktion.
Und da wird es dann besonders sensibel, gerade in einem Land wie
Österreich, in dem der "politmediale Komplex" (Armin Thurnher) in
einem besonders desaströsen Zustand ist. Mathias Döpfner, der
Vorstandschef der Axel Springer AG, hat im jüngsten "Spiegel" zu
Recht darauf hingewiesen, dass Staatshilfen für die Medien eine nicht
akzeptable Gefährdung der journalistischen Unabhängigkeit bedeuten
würden. Er tat es unter Hinweis auf die Vorgänge im
öffentlich-rechtlichen ZDF, wo derzeit über die von der Großen
Koalition gewünschte Abberufung eines unbotmäßigen Chefredakteurs
diskutiert wird.
Dabei ist das, was sich in Deutschland abspielt, ein absolutes
Luxusproblem im Vergleich mit Österreich. Der öffentlich-rechtliche
Rundfunk ist über die Jahre zur Spielwiese für die Machtfantasien
sonst fantasieloser Politiker geworden. Hierzulande würde nicht die
Abberufung eines missliebigen Journalisten für Verwunderung sorgen,
sondern die Tatsache, dass im ORF überhaupt jemand in eine
Verantwortungsposition kommt, der nicht der einen oder anderen Partie
zuzurechnen ist. "Ana vo' uns oder kana vo' uns" lautet die Formel,
nach der Führungspositionen vergeben werden.
Gleichzeitig agieren die auflagenstärksten Printmedien - "Kronen
Zeitung", "Heute" und "Österreich" - offensichtlich freiwillig als
Propagandamaschinen des amtierenden Bundeskanzlers. Er ist damit eine
Art Lächelputin, der auf die unschönen Methoden seines Moskauer
Pendants locker verzichten kann.
Selbst oder gerade dann, wenn man hinter der russischen Variante des
österreichischen Journalismus keine ökonomischen Motive vermutet, ist
es hoch an der Zeit, das ungesunde Verhältnis zwischen Politik und
Medien in diesem Land zum Gegenstand der öffentlichen Diskussion zu
machen. Denn was sich derzeit rund um den ORF und im medialen
Bermudadreieck Faymann-Dichand-Fellner abspielt, ist die tägliche
Verhöhnung aller Prinzipien des objektiven und unabhängigen
Journalismus.
Man möchte sich nicht vorstellen, was passierte, wenn die
österreichischen Medien unter dem Druck der Wirtschaftskrise in ihrem
Überleben auf die Politik angewiesen wären. Das hat auch sein Gutes:
Es ist eine starke Motivation, bis zum sprichwörtlichen Umfallen für
das Überleben aus eigener Kraft zu kämpfen.
Rückfragehinweis:
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Tel.: (01) 514 14-445
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