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"Die Presse am Sonntag"-Leitartikel: Vom Ende der Deutungsmacht über die Welt, von Peter Krotky
Ausgabe vom 30. Oktober 2011
Wien (OTS) - 1996 startete die Online-Ausgabe der \x{2588}Presse\x{2588}. In den
15 Jahren seither hat das Internet unser Leben verändert. Und wir
Journalisten sind ein bisschen weniger wichtig geworden. Gut so.
Im Jahr 1996 hieß Österreichs Bundeskanzler noch Franz Vranitzky und
gezahlt wurde in Schilling. US-Präsident war Bill Clinton. In den
Kinos liefen "Independence Day" und "Toy Story". Das meistverbreitete
Computerbetriebssystem war Windows 95 von Microsoft. Apple steckte in
der Krise, und Steve Jobs setzte gerade erst zu seiner zweiten Ära
an.
1996 war das Jahr, in dem die Online-Ausgabe der "Presse" gelauncht
wurde. Und der damalige Chefredakteur Andreas Unterberger schrieb aus
diesem Anlass: "Keine Sorge muß man zweifellos haben, daß mit dem
Internet der Nutzen der papierenen Zeitung überhaupt dahin wäre. [. .
.] Die ordnende Übersichtlichkeit einer angreifbaren Zeitungsseite
wird auf Dauer dem Bildschirm mit seinen wenigen Zeilen überlegen
bleiben." 15 Jahre später lässt sich immer noch nicht wirklich sagen,
ob Unterberger recht hatte oder nicht. 1996 lasen 76,8 Prozent der
Österreicher eine gedruckte Tageszeitung. 2011 tun dies mit 73
Prozent nur geringfügig weniger. Sagt die Mediaanalyse. Und doch hat
sich in 15 Jahren Internetgeschichte mehr verändert, als diese Zahlen
vermuten lassen.
Gegoogelt. 1998 tauchte Google auf - und schaffte nicht nur eine
monopolartige Stellung im Bereich der Informationssuche, sondern es
sogar mit dem Begriff "googeln" bis in den Duden. 2001 startete
Wikipedia - und läutete endgültig das Ende der Lexikonbände ein, die
bis dahin bildungsbürgerliche Haushalte behübscht hatten. 2004 kam
Facebook - und revolutionierte die Art, wie Menschen weltweit ihre
sozialen Beziehungen organisieren. Seit 2006 kann man via Twitter die
ganze Komplexität der Welt in 140 Zeichen fassen. 2007 warf Apple das
iPhone auf den Markt, gefolgt 2010 vom iPad - und löste damit die
Fesseln, die das Web bis dahin an Schreibtisch und PC gekettet
hatten. Und 2011 machten Menschen in Nordafrika und im Nahen Osten
Gebrauch von all diesen Entwicklungen, um sich ihrer autoritären
Regimes zu entledigen.
15 Jahre digitale Entwicklung haben unser aller Leben massiv
verändert. 1996 nutzten nur neun Prozent der Österreicher das
Internet - nicht einmal die Hälfte davon tat dies regelmäßig
(mehrmals pro Woche). Heute gehören 80 Prozent der Bevölkerung zu den
Internetnutzern; 70 Prozent nutzen das Web regelmäßig.
Schirrmachers Gehirn. 15 Jahre digitale Entwicklung haben auch
unseren Medienkonsum verändert. Selbst wenn - zumindest in Österreich
- heute noch beinahe so viel Zeitung gelesen wird wie damals, so ist
die gedruckte Zeitung längst nicht mehr die einzige, ja für einige
nicht einmal mehr die wichtigste Informationsquelle. Mithilfe des
Internets kann jeder sein eigenes Medium werden und damit auch Sender
statt lediglich Empfänger von Nachrichten sein. Das
Informationsangebot ist damit massiv angestiegen. Und die Lufthoheit,
die Journalisten einst über die veröffentlichte Meinung hatten, ist
dahin. Für alle, die an den freien Wettbewerb von Ideen und Meinungen
glauben, ist das auch ziemlich gut so.
Man kann angesichts dieser neuen internetbedingten
Unübersichtlichkeit samt Informationsüberflutung freilich auch
verstört sein. Mag sein, dass das auf Frank Schirrmacher zutrifft,
der meint, dass das Web unser Gehirn in Mitleidenschaft ziehe. Mag
auch sein, dass man angesichts Schirrmachers Rolle als Herausgeber
der "FAZ" nur die Verunsicherung herauslesen kann, die jene erfasst
hat, die zu lange gewohnt waren, dass niemand ihre Deutungsmacht der
Welt infrage stellte. Genau das aber kann jetzt jeder Blogger.
Das alles aber macht professionellen Journalismus, zu dem deutlich
mehr gehört als das, was die allermeisten Blogger, Twitterer oder
Facebooker so liefern, noch lange nicht überfällig. Diesen
professionellen Journalismus wird Ihnen "Die Presse" auch weiterhin
liefern - gleichgültig, ob auf Papier oder auf irgendeiner Art von
Bildschirm.
Rückfragehinweis:
Die Presse am Sonntag
Chef v. Dienst
Tel.: (01) 514 14-445
mailto:[email protected]
www.diepresse.com
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