- 18.06.2012, 18:41:12
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"Die Presse"-Leitartikel: Komödiantischer Zwischenakt der griechischen Tragödie, von Helmar Dumbs
Ausgabe vom 19. 06. 2012
Wien (OTS) - Ausgerechnet Antonis Samaras gilt in der EU jetzt als
Garant für die Rettung Griechenlands. Eine bessere Pointe hätte auch
Aristophanes nicht setzen können.
Wenn jemand wie Wolfgang Schäuble, ein Bollwerk schwäbischer
Rationalität, einmal dem Wunschdenken verfällt, muss man wirklich
alarmiert sein. Die deutsche Bundesregierung werte den Sieg der
Konservativen in Griechenland als "Votum der Bevölkerung, auf dem Weg
tief greifender wirtschafts- und finanzpolitischer Reformen weiter
voranzugehen", verkündete der Finanzminister noch in der Wahlnacht.
Das Einzige, was an diesem Satz richtig ist, ist der Beistrich.
Antonis Samaras mag nach seinem Wahlsieg vom Sonntag viel gesagt
haben - das Wort Reform ist nicht protokolliert. Und dass eine
Regierung unter seiner Führung den Reformweg fortsetzen würde, kann
eigentlich nur Sarkasmus sein, würde es doch bedeuten, dass in Athen
mit ernsthaften Reformen bereits begonnen wurde: Man könne nicht vom
Scheitern einer Politik sprechen, die gar nie angewendet wurde,
kommentierte ein griechischer Ökonom in der "FAZ" die für ihn absurde
Kritik an den Auflagen der internationalen Geldgeber. Effizientere
Steuereintreibung? Aufgeschoben. Liberalisierung "geschlossener"
Berufe? Fehlanzeige. Entschlackung des aufgeblähten Staatsapparats?
Kaum angedacht.
Oft ist vor der Gefahr gewarnt worden, sich an Griechenland
anzustecken. Schäuble hat sich offenbar angesteckt: an der
griechischen Krankheit, die Realität zu beschönigen und
zurechtzubiegen, wie es gerade opportun ist.
Ein Beispiel gefällig? An der Misere sei gar nicht Griechenland
schuld, sondern die Architektur des Euro, orakelte der unehrenhaft
aus dem Amt geschiedene sozialistische Ex-Premier Giorgios
Papandreou. Dann war es also nicht die Athener Regierung, die sich
mit falschen Zahlen in den Euro schwindelte? Und es war wohl auch
nicht exzessive Klientelpolitik, die zigtausende überflüssige Jobs im
Staatsdienst schuf. Mit Sicherheit trägt Papandreou auch keine
Mitschuld daran, dass das Land dort steht, wo es jetzt eben steht:
kurz vor dem Staatsbankrott, was vor allem die ärmeren
Bevölkerungsgruppen ausbaden müssen. Wobei sein Satz ein Körnchen
Wahrheit enthält: Wäre das Regelwerk der EU strenger, dann wäre Athen
mit all dem nicht durchgekommen, nur hat Papandreou das so wohl nicht
gemeint.
Griechenland ist damit durchgekommen, und dieser Erfolg macht dreist:
Auch jene Parteien, die im über Samaras' Wahlsieg besinnungslos
glücklichen EU-Europa jetzt als "Reformer" gelten, fordern eine
Fristerstreckung für die Erfüllung der Auflagen und weitere
Konzessionen der Partnerländer. Wer dies fordert, hält es wohl auch
für kleinlich, wenn man die 200 Milliarden, die die anderen
Eurostaaten Athen in den vergangenen zwei Jahren geliehen haben,
bereits als Entgegenkommen sieht.
Viel zu spät hat man in Brüssel und den EU-Hauptstädten gewagt, den
"Grexit" ein reales Szenario zu nennen, als dass Athen dies noch
ernst nehmen würde. Sie werden vielmehr darauf spekulieren, dass die
EU-Partner schon allein deshalb weiterzahlen werden, weil sie bereits
so viel gezahlt haben (das köstliche Buch "Die unwiderstehliche
Zugkraft irrationalen Verhaltens" der Brüder Rom und Ori Brafman
erklärt, warum). Und wer so gut Theater spielt wie die Griechen, der
durchschaut auch die Schauspielkunst der anderen.
Wobei das, was in Griechenland und Europa derzeit zur Aufführung
gelangt, oft als Tragödie missverstanden wird. In Wahrheit ist es
eine Komödie, wie sie Aristophanes nicht beißender zu Papyrus hätte
bringen können. Die beste Pointe liegt darin, dass ausgerechnet
Antonis Samaras als Garant dafür gilt, den griechischen Streitwagen
wieder flottzumachen. Jener Politiker, der bis vor Kurzem die
Abkommen Athens mit den Geldgebern noch als Teufelszeug ablehnte und
Parteifreunde, die dafür stimmten, ostrakisierte. Samaras gehört
genau zu der alten Garde Politiker, die die jetzige Misere zu
verantworten haben. Nur: Es gab keine Alternative außer einem
linksradikalen Träumer.
Und es gibt - für Griechenland wie die EU - keine Alternative dazu,
die permanenten (Selbst-)Täuschungen aufzugeben. Wenn es mit dem Land
eines Tages wieder aufwärtsgehen soll, dann erreicht man das nur,
indem man sich schonungslos der Realität stellt. In Athen wie in
Brüssel.
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